Ironman Hawaii Weltmeisterschaft 2017 – Zwischen Himmel und Hölle – Mythos Hawaii

Ironman Hawaii Weltmeisterschaft 2017 – Zwischen Himmel und Hölle – Mythos Hawaii

So, wieder daheim angekommen, habe ich jetzt endlich die Zeit alles, was ich am Samstag, den 14.10.2017 erlebt habe, für euch niederzuschreiben. Eins kann ich vorne weg sagen: Es wird ein langer Bericht, da ich wirklich jedes Detail mit Euch teilen möchte, damit jeder genau nachfühlen kann, wie ich diesen Tag erlebt habe. Also los geht’s:

Dass ich den Bericht damit anfangen würde, mitzuteilen, dass ich extrem gut geschlafen habe in der Nacht vor der Weltmeisterschaft, hätte ich auch niemals gedacht. Aber im Gegensatz zu den bisherigen Ironman-Rennen war dies vor meinem wohl größten Rennen der Fall. Vielleicht auch weil ich so gut wie möglich versucht habe mir den Druck zu nehmen und den Rat von allen befolgen wollte, mit denen ich vor dem Rennen gesprochen habe, die mich lustigerweise durch die ARD Doku vor Ort erkannt haben. Der Rat bzw. die Aussagen lauteten ungefähr wie folgt: Wenn man es bis hierhin nach Hawaii geschafft hat, hat man eigentlich schon ALLES erreicht! Man hat sich das ganze Jahr über hierfür gequält! Dieses Rennen macht man nicht für irgendwelche Zeiten und oder Platzierungen, dieses Rennen macht man für die Seele! Weiter haben die meisten gesagt, ich soll es so gut wie möglich genießen und mich aus dem eben genannten Grund nicht allzu sehr schinden!

Der Wettkampftag

Der Wecker hat „wie immer“ um 03:30 Uhr geklingelt, es wurde kurz gefrühstückt, bevor es auch schon ans Rennanzug anziehen, Swimsuit herrichten und alle restlichen wichtigen Sachen einpacken ging. Um kurz nach vier sind wir dann alle gemeinsam zur Wechselzone an den Pier von Kailua-Kona, die auch gleichzeitig den Startbereich darstellt, gefahren. Pünktlich um viertel vor fünf wurde dann die Bodymarking Area und auch die Wechselzone unter einem riesigen Applaus aller freiwilligen Helfer für die Athleten geöffnet. Spätestens hier habe ich eine ziemliche Gänsehaut bekommen: Man spürt, dass hier dieser „Mythos Hawaii“ in der Luft liegt und der Tag ein ganz besonderer wird!

Der Ablauf am Rennmorgen ist auch ein wenig anders als bei den sonstigen europäischen Ironman-Rennen, die ich schon miterlebt habe. Man durchläuft hier mehrere Stationen. In Station eins werden die Arme mit reinem Alkohol gereinigt, bevor man sich dann bei Station zwei sein Startnummern-Tattoo abholt und weiter zu Station drei geht, an welcher ein Helfer das Tattoo auf beiden Armen anbringt. Ist das erledigt, geht es weiter zu einer Station, die mich etwas überrascht hat. Man wird hier nämlich gewogen, und das Gewicht wird genau notiert. Wie ich am nächsten Tag erfahren habe, hat das etwas mit der Erlaubnis zum Legen einer Infusion nach dem Rennen zu tun. Diese darf nämlich erst ab einem bestimmten prozentual errechneten Körpergewichtsverlust gelegt werden. Nachdem das alles erledigt ist, kann man endlich zu seinem Rad. Der Weg zur Wechselzone wird hierbei von Helfern mit Ironman LED Leuchtschildern ausgeleuchtet, was auch eine feierliche Stimmung vermittelt. Am Rad habe ich dann Vorder- und Hinterrad aufgepumpt. Bei einigen, überambitionierten Pumpern hat man es wieder „Knallen“ gehört, worauf es meistens einen Applaus von allen umliegenden Athleten gab. Aber bevor man hier in Panik verfallen kann, eilt auch schon ein Volunteer herbei und kümmert sich um den Teilnehmer und sein Problem! Man könnte fast sagen, dass man als Athlet hier fast schon von den ganzen freiwilligen Helfern richtig verhätschelt wird. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich nur zu einem Volunteer gehen müssen, er hätte mir mein Rad aufgepumpt, und ich hätte es nicht selber machen müssen…Als alle Vorbereitungen in der Wechselzone abgeschlossen und das Rad fertig präpariert war, bin ich nochmal schnell aus der Wechselzone vor den Eingang des Race-Hotels geeilt, um meinen Supportern Tschüss zu sagen und mir die letzten guten Zusprüche abzuholen. Um kurz vor 6 Uhr habe ich mir dann wieder deutlich nervöser meinen Weg zurück in den Startbereich der Wechselzone gebahnt. Dort angekommen, hieß es warten und zwar über eine Stunde. Wie viele andere Athleten habe ich mir einen ruhigen Platz an der Absperrung zu den Wechselbeuteln gesucht und mir eingeredet, dass das nur ein ganz normaler weiterer Ironman ist! Nicht förderlich dafür waren die ganzen Helikopter, die die ganze Zeit über die Wechselzone geflogen sind und die ständigen mir irgendwie drohend vorkommenden Zeitansagen des Moderators. Die Zeit verging dann zum Glück doch recht schnell, da viele deutsche Athleten, die die Dokumentation gesehen hatten, auf mich zu kamen, mir viel Glück wünschten und wir uns kurz austauschten. Für die männlichen Profis fiel der Startschuss zur WM um 06:35 Uhr, die weiblichen Profis durften fünf Minuten später starten um 06:40 Uhr. Nach den ersten zwei Kanonenschüssen, die ich sonst ja nur aus dem Fernsehen kannte, war ich ziemlich eingeschüchtert…An meinen Gedankengängen möchte ich euch natürlich an dieser Stelle auch teilhaben lassen: „Oh mein Gott! Was mache ich hier?! Was soll das alles?! Wieso lassen mich immer alle ins offene Messer laufen? Was habe ich eigentlich für Freunde,Bekannte und Verwandte? Wieso hat mich niemand gewarnt oder zur Seite genommen und mich daran erinnert, wie sehr ich beim letzten Ironman gelitten habe! Ich muss dringend überdenken mit wem ich so befreundet bin, und ob sie wirklich immer nur mein Bestes wollen oder vielleicht wollen sie mich nur leiden sehen!“

Das Schwimmen

Um 7 Uhr und 5 Minuten fiel der Startschuss der männlichen Age-Grouper. Und kurz darauf durften auch schon wir Frauen ins Wasser! Endlich! Diese Warterei macht einen echt mürbe so kurz vor dem Rennen. Deutlich anstrengender war das Warten vor der imaginären Wasserstartlinie, da hier schon die Krallen um die besten Plätze bei den meisten ausgefahren wurden und ich einige Ellenbogen kassiert habe. Ich habe den Fehler gemacht und mich anfangs ziemlich weit rechts einsortiert, was ich dann relativ schnell bereute. Aber der Reihe nach: Plötzlich hören die Paddler, die die Startlinie markieren, auf die Startlinie entlang zupaddeln und richten ihre Bretter nach vorne. Ich höre meinen Pulsschlag in meinen Ohren und überlege kurz wie überhaupt nochmal Kraulschwimmen geht, bevor auch schon der Kanonenschlag ertönt, und ich machen darf, was ich liebe und wofür ich ein ganzes Jahr kontinuierlich trainiert habe. Der zweite „längste Tag des Jahres“ hat für mich begonnen! Ab jetzt heißt es fast den ganzen Tag isoliert zu sein und sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Nach einem weiteren ziemlichen Kinnhaken hatte ich nach circa 500 Metern das rechts innen Schwimmen so dermaßen satt, dass ich mir meinen Weg nach links außen gebahnt habe, wo ich dann kontinuierlich aber mit den Kräften haushaltend vor mich hingeschwommen bin. Kurz vor dem Wendepunkt habe ich dann auch die ersten männlichen Age-Grouper „überschwommen“, was mir den Anreiz gegeben hat, noch mehr Männer „einzusammeln“. Insgesamt ist meine Schwimmzeit von 1h08min01sek. nicht unbedingt das, was ich mir erhofft hatte, aber ich fühlte mich zu dem Zeitpunkt noch energiegeladen. Und was sind schon 3-4 kassierte Minuten beim Schwimmen, die kann man theoretisch locker beim Radfahren oder Laufen wieder reinholen!

Das Radfahren

Da ich in Wettkämpfen immer ohne Uhr schwimme, hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keinen Überblick, welche Zeit ich beim Schwimmen erreicht hatte. Kurz mit Süßwasser alles abgewaschen und aus dem Swimsuit rausgeschlüpft ging es auch schon mit dem Rad aus der Wechselzone. Die Radstrecke führt zuerst in einem Rundparcours durch Kailua-Kona und führt dann den Kuakini Highway hinauf. Hier habe ich mich das erste Mal etwas kraftlos gefühlt.  Weiter fand ich es mental ziemlich anstrengend die zwar aufs gesamte gesehen kurze Strecke in die „falsche“ Richtung zu fahren, da die restliche Radstrecke ja in der komplett anderen Richtung am
Queen K Highway liegt. Zwei Mal habe ich hier angehalten, weil ich mir sicher war einen Platten hinten zu haben. Im Nachhinein kann ich es mir nur damit erklären, dass sich der Asphalt einfach seltsam angefühlt hat. (Für nicht Triathleten wahrscheinlich schwer nachvollziehbar ? ) Dann auf dem Queen K Highway ging es ziemlich ab, und es rollte endlich. Trotzdem habe ich hier auch auf Anraten aller Kona-erfahrenen Athleten versucht „Körner“ zu sparen für den Rückweg, die ich auch dringend brauchen sollte. Im Gegensatz zu Frankfurt habe ich hier wirklich extrem auf das äußere Herunterkühlen des Körpers geachtet. Was schade ist, ich aber schon anhand der Bilder aus den letzten Jahren befürchtet hatte, ist das Fahren im Pulk bzw. das teilweise extreme Lutschen einiger Athleten.( die wenigen Marshalls , die unterwegs waren, haben dies nicht geahndet!) So viel zu der „I AM TRUE“- Kampagne von Ironman! Die Zeit am Hinweg nach Hawi verging relativ schnell. Der Anstieg vom Hafen unten nach Hawi hoch hat mich zwar irgendwie doch mehr mitgenommen als geplant, cool war aber, dass einem zu diesem Zeitpunkt schon die ganzen Profi-Athleten entgegengekommen sind. Sebastian Kienle lag zu dem Zeitpunkt vorne beim Radfahren und zu meiner Überraschung führte bei den Frauen meine persönliche Favoritin, Lucy Charles, immer noch. Daniela Ryf kam erst mit einigem Abstand dahinter. Am Hawi-Berg hoch und auch hinunter kamen natürlich auch die berühmten und berüchtigten Winde dort vor Ort dazu. Hinunter waren sie teilweise so stark, dass ich zu treten aufgehört und ängstlich beide Beine ganz fest an den Rahmen gedrückt habe, um insgesamt eine stabilere Position zu haben. Zum restlichen Rückweg bleibt nur zu sagen, dass – wie üblich bei den später startenden Frauen- die Gegenwinde deutlich zunehmen und ich ab dann nicht mehr sonderlich gut vom Fleck gekommen bin – meine Radzeit hat dadurch ziemlich „gelitten“! Irgendwie habe ich es aber doch zurück nach Kona geschafft. Meine mentale Stärke war zu diesem Zeitpunkt schon sehr in Mitleidenschaft gezogen und nicht wie sonst erst zu einem späteren Zeitpunkt beim Marathon. Trotzdem konnte ich super glücklich nach einer Radzeit von fast glatten 6 Stunden das Rad an einen Volunteer übergeben und mich für den bevorstehenden Marathon in der prallen Sonne wappnen.

Das Laufen

Die ersten Kilometer verflogen wie im Flug, womit ich nicht gerechnet hätte. Ich bin beim Laufen meistens ziemlich in einem bzw. in meinem Tunnel. So habe ich auch zu spät realisiert, dass Kienle kurz vor der Hualalai-Road Abbiegung mit Kameramotorrad an mir vorbeigelaufen ist. Der eine oder andere hat mich daher in der ZDF Liveübertragung erkannt. Der Teil am Ali’i Drive lief echt gut. Ich war trotz elender Hitze wie beflügelt, bin aber trotzdem ganz nach Plan die ersten zehn Minuten ruhiger angegangen, um dann langsam meinen Pace zu finden. An jeder Verpflegungsstation habe ich mir Eis in die Cappy schütten lassen und mich ordentlich verpflegt, bevor es dann weiter zur nächsten „Kühlungsstation“ ging. Bei Lufttemperaturen zu dem Zeitpunkt von um die 39 Grad Celsius hat das einfach oberste Priorität. Ich hatte gehofft, dass es dann vor dem Anstieg an der Palani-Road noch eine Verpflegungsstation geben würde, da es ja hieß, dass eigentlich jede Meile eine kommen sollte. Pech gehabt!  Es kam aber keine! Die Luft kochte und brannte auf der Haut und in der Lunge. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich deutlich wie mein Körper zu überhitzen drohte. Vor mich hin schimpfend und fluchend ging ich also die Palani-Road hoch- wie die meisten anderen Athleten zu diesem Zeitpunkt auch. Keine ordentliche Verpflegungsstation am Anfang eines solchen Horroranstiegs ist wirklich ein Unding!!! Oben angekommen riss ich mich dann zusammen und ging wieder zum Laufen über. Auf dem Queen K Highway lässt auch das Hannes Hawaii-Tours „Stimmungsnest“ nicht lange auf sich warten, bevor es dann auch schon auf die extrem einsame neun Kilometer lange Reise über die Autobahn hin zum Natural Energy Lab geht. Für alle, die nicht so vertraut mit der Laufstrecke in Hawaii sind, möchte ich kurz genauer schildern, wie man sich das vorzustellen hat: Du kommst platt und entkräftet von dem Anstieg hoch auf die Autobahn und siehst eine endlose, weite hügelige, nie endend wollende Strecke. Der Asphalt flimmert, die Hitze steht und du siehst neben den Lavafeldern am Straßenrand nur die gequälten Gesichter der anderen Athleten, die dir entgegenkommen bzw. die du eventuell überholst oder die dich überholen. Bis zu dem Punkt dachte ich, dass ich das Schlimmste schon hinter mir hatte…Pustekuchen!

Hier geht der wahre Kampf erst los und zwar der im Kopf! Laufstreckenmäßig liegt dieser Punkt circa bei km 23 des Marathons. Völlig isoliert wird der Athlet hier mit seinen Gedanken und Problemen allein gelassen. Leider habe ich auch hier angefangen den Kampf gegen meinen Kopf zu verlieren. Der Wille konnte sich einfach nicht mehr durchsetzen, der innere Schweinehund setzte sich durch, und ich bin längere Strecken gegangen. Das war für mich auch einer der Punkte, an dem ich diesen „Mythos Hawaii“ sehr stark gespürt habe. Ich war einfach nur extrem emotional fertig. Mein Kreislauf war zu diesem Zeitpunkt leider auch nicht mehr der Fitteste, weshalb das Gehen teilweise auch, selbst wenn der Kopf gewollt hätte, fast nicht mehr möglich war. Nachdem aufgeben nie eine Option für mich ist, habe ich mich weitergekämpft, Fuß vor Fuß, Schritt für Schritt bis zu der „Cosco-Supermarkt“ Stelle, wo sich auch meine Unterstützer positioniert hatten. Ich weiß noch, wie ich mich super zusammengerissen habe und meinen Eltern gesagt habe, dass alles okay ist. Dass ich das zu Ende bringe, aber derzeit an Laufen leider nicht zu denken ist. Emotional und physisch extrem angeschlagen weiß ich auch noch, wie ich halb unter Tränen -als meine Mutter wieder umdrehen wollte und mir vorher mitgeteilt hatte, dass sie dann zur Finishline fahren wollen- gesagt habe oder eher gebettelt habe, dass sie da bleiben sollen! Dass ich nicht weiß, ob ich die restliche Strecke-vor allem das gefürchtete luft-und windlose Energy Lab- durchstehe! Besonders mit dem Wissen, dass sie danach nicht noch einmal auf dem Highway auf mich warten würden. Wahnsinn, hätte mir einer gesagt, dass ich so ein emotionales Wrack bei km 28 sein würde, ich hätte gelacht und gesagt, dass weinen so überhaupt nicht meins und total peinlich ist. Aber das ist es eben auch, was die Veranstaltung Ironman ausmacht und was mich daran so fasziniert: diese Grenzerfahrungen, körperlich, psychisch und eben auch auf emotionaler Ebene! Angekommen im Energy Lab war ich heilfroh, dass zumindest halbwegs ein Ende in Sicht war. Der Teil im Energy Lab ist circa 7km lang. Wenn man dort rauskommt, hat man noch circa 10km zu absolvieren, bevor das Rennen dann auch schon vorbei ist! ? 17km klang wie eine absehbare Distanz! Davon motiviert konnte ich größere Strecken im Energy Lab laufen – trotz zu dem Zeitpunkt schon länger auftretender Knieschmerzen auf beiden Seiten. Zu der Uhrzeit zu der ich im Energy Lab angekommen bin, darf man sich die Kulisse so vorstellen: einzelne Athleten laufen, gehen bzw. schleppen sich rein. Wieder andere kommen gerade heraus und haben dieses gewisse Lächeln auf den Lippen, weil jeder weiß, dass man es schaffen kann und hoffentlich auch wird, und es ab dann nur noch 10km zu der wohl sagenumwobendsten Finishline überhaupt sind! Weiter führt die Eingangsstraße, bevor sie den Rechtsknick macht, direkt auf das Meer zu, und ich durfte direkt auf den Sonnenuntergang zu laufen. Spektakuläre Bilder, die sich wohl (hoffentlich) für immer auf meine Netzhaut eingebrannt haben! Die Luft wird zu diesem Zeitpunkt deutlich „kühler“ (jetzt nur noch 30 Grad!). Den Teil im Energy Lab habe ich als extrem entspannt und angenehm empfunden. Wieder am Highway angekommen, wartete mein Papa auf mich. Er begleitete mich in Flip-Flops auf dem Schotterweg neben der Laufstrecke solange bis ich mich wieder dazu durchringen konnte einen Kilometer humpelnd zu laufen. Eine weitere mentale Hürde birgt dieser Highway auch für alle „langsameren“ Athleten: Er ist ab circa 18h30 stockdunkel!!! Der floreszierende Lichtring, den man beim Verlassen des Energy Lab um den Hals gehängt bekommt, ist da leider auch keine große Hilfe. Man sieht wirklich die Hand vor Augen nicht. Stellt euch einfach eine leere weite Autobahn ohne jegliches Licht vor! (An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich es extrem unverantwortlich vom Veranstalter finde dort keine Lichter aufzustellen! Sollte ein Athlet unbemerkt kollabieren und rechts in einen Graben fallen, bliebe das einfach unbemerkt, da man ja nichts sieht!)

Auch ich habe öfters den Drang verspürt, mich einfach in einen Seitengraben zu legen und mich meinem zu dem Zeitpunkt für mich unausweichlichen Schicksal zu stellen und eine Runde zu schlafen. ? Im Wissen , dass ich meine Eltern ja nicht so lange warten lassen und auch nicht enttäuschen wollte, hab ich diesem Drang nicht nachgegeben. Der weitere Verlauf der restlichen Marathonstrecke war ein Misch aus versuchtem schnellen Humpeln und humpelndem Laufen. Den Typ an der Verpflegungsstation, der mir sagte, es seien „nur“ noch drei Kilometer bis zum Ziel, hätte ich am liebsten erwürgt! „Nur noch“, der hat gut reden…Und dann habe ich die Abbiegung runter zur Palani-Road gesehen…von dort sind es nur noch circa 1,3km zum Ziel. Das waren wohl die schnellsten 1,3km in meiner bisherigen gesamten Karriere. Es ist wahrscheinlich schwierig für andere sich das vorzustellen, aber in diesem Stadium setzt der Körper ungeahnte Restenergien frei. Adrenalin und Euphorie beflügeln einen zusätzlich. Ich bin wie eine Irre die „Palani“ runter gesprintet, hab mir ein letztes Mal Wasser über meinen glührenden Kopf und Körper geschüttet, auch um Tränen und Schweiß so gut wie möglich wegzuspülen.Nun nur noch die Hualalai-Road hinunter und dann durfte ich rechts auf den Ali’i Drive abbiegen. (Notiz: Ich muss mich gerade ziemlich zusammenreißen um bei dem Gedanken daran nicht wieder anzufangen zu weinen!)

Unglaublich, alles flog an mir vorbei…und dann war auch schon die Zielgasse zu sehen! Ich habe wie blöde jeden abgeklatscht, der seine Hand auf die Finishline rausgestreckt hat. Mit einem Grinsen wie ein Honigkuchenpferd bin ich über den legendärsten Ironman Teppich der Welt gelaufen. So euphorisiert habe ich total vergessen für schöne Finishlinebilder das doofe Knicklichthalsteil auszuziehen und die Cappy abzunehmen. In diesen 30 Sekunden Ruhm, wenn man über den Teppich auf den Zielbogen zuläuft, ist alles vergessen- man spürt nichts von der stundenlangen Schinderei, die man davor ertragen hat , man spürt keine Schmerzen, das Herz pulsiert und man spürt diesen Stolz, es wieder einmal geschafft zu haben! Ein weiteres Mal habe ich meinen Schweinehund besiegt und habe ihm gezeigt, dass ich stärker bin und dass ich auch Willensstärke besitze und dass ich auch Dinge zu Ende bringen kann, obwohl er mein innerer Schweinehund“  mir immer wieder mentale Steine in den Weg gelegt hat und seine „Hütte“ des Öfteren verlassen hat. Ich habe ihn in seine Hütte zurückgeschickt! Der Stolz und die Überwältigung waren in diesem Moment riesig. Und dann stand ich unter dem Finishlinebogen, den jeder Triathlet kennt und den ich all die Jahre davor nur aus dem Fernsehen bestaunen konnte.

Der Moment direkt nach dem Finish einer Langdistanz ist wohl einer der tiefsten und ehrlichsten Momente überhaupt und auch definitiv mit einer der stärksten Gründe, warum ich mich jedes Mal wieder für eine Langdistanz angemeldet habe. Als ich fertig war mit dem Tränchen verteilen und mir ein Volunteer-Pärchen die Hawaii Kette und das Handtuch umgelegt hatte, ging mein Weg straight zu der Medaillenvergabestation. „Ich habe noch nie so etwas Wunderschönes besessen, etwas so formvollendetes Unglaubliches! Wahnsinn!“

Gebraucht hatte ich insgesamt 12h17min und 56sek für die gesamte Distanz.

Danach nur noch kurz zum Duschen, zum Rad abholen, alle Glückwünsche und Umarmungen entgegennehmen! Den weiteren Teil nach dem Rennen erspare ich euch, nur noch so viel : Das Rad hoch zu unserem Autoparkplatz zu schieben war ein ziemlicher Akt, aber ohne das Rad zum Abstützen hätte ich es alternativ nur krabbelnd hoch geschafft. Leider hat ab diesem Zeitpunkt der Kreislauf vermehrt angefangen zu versagen und mir ist phasenweise extrem heiß, schwindelig und übel geworden. Ich musste mich immer schnell irgendwo hinlegen, bevor ich zusammengeklappt wäre. An dieser Stelle auch ein Dankeschön an meinen persönlichen Windzufächerer Maximilian. Wie alle angenommen haben, habe ich in dieser Nacht auch nicht wirklich viel geschlafen aufgrund der Kreislaufprobleme und den Schmerzen überall in meinem Körper….

Wie bei dieser Art von Sucht üblich, habe ich natürlich die ersten beiden Tage gesagt, dass ich nie wieder eine Langdistanz machen werde, aber schon am Dienstag danach war die Antwort auf die Frage, ob ich hier noch einmal starten wollen würde: JA!

Es ist ein unglaubliches Rennen mit vielen Höhen und Tiefen, letztendlich entschädigt die Finishline aber alle Tiefen und macht das Rennen zu dem wohl sagenumwobendsten Rennen der Triathlonszene!

Danke, dass ich diese besondere Erfahrung schon in so jungen Jahren machen durfte! Danke an alle, die mir diese Reise und Teilnahme ermöglicht haben, sei es durch finanzielle oder mentale Unterstützung ?! Ein besonderer Dank geht natürlich wie immer an meine Eltern, an meine Trainerin Julia und an alle meine Freunde und Freundinnen, Bekannten, Verwandten und sonstigen Unterstützern!!!

DANKE !!!!!!!!!!!

Ein besonderer Dank gilt auch den zahlreichen freiwilligen Helfern, die teilweise extra nach Hawaii fliegen um komplett ohne Vergütung bei diesem riesigen Event zu helfen und es für die Athleten so zu etwas Unvergesslichem machen!
Eure Steffie

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